Augenbrauen – unterschätzte kleine Wunder

Über die körperlichen Herausforderungen der Chemotherapie habe ich ja bereits ausführlich berichtet aber es gibt auch noch diverse andere Schwierigkeiten mit denen man umgehen muss. Ich nenne Sie mal, die Herausforderungen der Seele. Mittlerweile kann ich sagen, dass ich mit ihnen viel länger zu kämpfen hatte und sie sind auch irgendwie eher heimlich in mein Leben geschlichen. Zuerst dachte ich, dass ich sie ignorieren könnte aber es war als hätte sich meine Seele gedacht “Nicht mit mir! Spot on and here you go!”

Perücke oder keine Perücke – Das ist hier die Frage

Irgendwie fing dann doch alles mit dem Verlust meiner Haare an. Aber das sollte mir erst viel später klar werden. Erst einmal war ich da relativ entspannt und habe mir in einem Geschäft Perücken angeschaut. Keine war so richtig meine, also habe ich beschlossen, dass man ja auch nie genug Mützen haben kann und so ein paar neue Beanies könnte ich schon gebrauchen. Meine langen Haare habe ich mir recht schnell bereits nach der Diagnose kurz schneiden lassen aber als dann die ersten Haare rieselten, musste dann doch der Rasierer her. Die Vorstellung morgens wach zu werden und meine Haare auf dem Kissen zu sehen, war für mich unerträglich also musste der Freund ran und großartig wie er ist, hat er das Beste daraus gemacht und wir haben tatsächlich viel gelacht. Überhaupt hat er mir stets das Gefühl gegeben, dass ich auch ohne Haare wunderschön bin und so war ich recht entspannt und konnte sogar „oben ganz nackig“ in die Welt hinausgehen. Meistens, nicht immer. Es gab da auch diese Tage an denen ich mich lieber im Bett verkrochen habe oder wo ich auf der Parkbank weinen musste, weil ich auf einmal eine glotzende Meute Jugendlicher vor mir stehen hatte, die es total crazy fanden, dass die Frau da eine Glatze hat. Auch da guckste erstmal ziemlich blöd aber anscheinend habe ich wohl nicht so krank ausgesehen. Was ja irgendwie dann auch ganz schön war. So rückblickend betrachtet. In dem Moment war das Gefühl da tief in mir drin so überhaupt gar nicht schön.

 Wenn ich also mal traurig und nicht bereit war der Welt meine Plät zu präsentieren, habe ich einfach eine Mütze aufgesetzt und schwups konnte ich allen etwas vormachen und vor allen Dingen konnte ich selbst entspannt in den Spiegel schauen. Bis heute vermisse ich aber auf eine recht schräge Art das Gefühl wenn der Wind über meine Glatze weht und die Sonne sie angenehm warm bescheint! Tatsächlich habe ich diesen warmen Wind  immer als sehr heilsam und schön empfunden. Es war ein bißchen so als wenn die Sonne mir zeigen wollte, dass ich mich selbst auch ohne Haare lieb haben kann. Wie nett von ihr oder?

Irgendwann kam dann aber die Zeit wo sich auch die letzten meiner Augenbrauen verabschiedet haben und ich auf einmal wirklich kein einziges Haar mehr in meinem Gesicht und an meinem kompletten Körper hatte. Nasenhaare sind auch übrigens wichtiger als man denkt und rangieren auf meiner kleinen „Wunderliste“ ganz dicht hinter den Augenbrauen. Wobei es an manch anderen Stellen sogar recht praktisch war keinen Haarwuchs zu haben, aber ohne Augenbrauen… Puh das war hart, auf einmal reichte es nicht mehr einfach eine Mütze nach dem Aufstehen aufzusetzen, mein Gesicht hat mir ganz deutlich auch mit Mütze gesagt, dass ich echt krank bin. Früher habe ich mich immer gefragt wieso man eigentlich diese lustigen Balken über den Augen hat. Heute weiß ich, dass Augenbrauen total unterschätzte kleine Wunder der Natur sind. Sie halten nicht nur Regen und Schweiß davon ab in Deine Augen zu fließen, sie zeigen Dir selbst und Deinem Gegenüber auch auf wundervolle Weise wie Du Dich grad fühlst und verleihen Deinem Gesicht Deinen ganz persönlichen Ausdruck! Es war so schön, dass es nicht lang gedauert hat bis die ersten kleinen Häärchen ihr come back über meinen Augen feierten. Meine Haare auf dem Kopf haben etwas länger auf sich warten lassen, aber auch hier habe ich jedes einzelne gefeiert wie einen Superstar und als sich die erste Locke verzwirbelt hat, habe ich geweint vor Freude. Ich habe sogar Videos davon gemacht als ich das erste Mal wieder ein Handtuch zum trocknen meiner Haare benutzen musste. Enjoy the little things!

Der Alltag ohne Haare

Mal abgesehen von dem Verlust meiner Haare gab es noch andere Herausforderungen in der gesunden Welt. Menschen gucken auf einmal anders. Sie haben Angst und glauben durch Ignoranz geht der böse Krebs und der Tod an einem vorbei. Es ist ein bißchen wie früher in der Schule wenn man die Hausaufgaben nicht gemacht hat. Wenn man den Lehrer nicht anschaut, nimmt er einen auch nicht dran. Ich will gar nicht behaupten, dass ich anders war, auch ich kenne dieses Gefühl der Angst und Hilflosigkeit und die Frage “Was soll ich bloß sagen?” Mittlerweile behaupte ich aber einfach mal ganz frei heraus: ALLES ist besser als Schweigen und Angst. Die Angst hat man in dem Moment ja schon selbst und da braucht man nicht noch mehr von und im Endeffekt weiß man selbst auch nicht was man dazu sagen soll. „Ja ich hab Krebs und ja das ist echt Scheiße!“ viel mehr ist mir meistens dann auch nicht eingefallen. Und bei mir hat sich dann ganz schnell ein Gefühl von “Abgeschiedenheit” eingeschlichen, ich habe mich nicht mehr als Teil unserer Gesellschaft gefühlt. Wie ein Auto, das man mit Motorschaden einfach auf den Schrottplatz stellt und sich nicht weiter drum kümmert. Überall hatte ich sofort den „Krebs-Stempel“ auf der Stirn und die Welt begegnete mir mit Angst, die ich sehr deutlich in den Augen sehen konnte. Ich war ein bißchen wie der kleine Junge in „The Sixt Sense“ und konnte auf einmal „die Angst“ sehen.

Natürlich bin ich aber nicht auf dem Schrottplatz gelandet, netterweise hat man sich auch um mich gekümmert, aber ich empfinde es heute nach wie vor als ein großes Problem unserer Gesellschaft, dass wir unsere kranken, alten und behinderten Menschen an den Rand schieben anstatt miteinander zu leben und voneinander zu lernen! Das hat mich schließlich auch zu diesem Blog inspiriert, ich möchte einen Einblick in meine Welt geben und vielleicht kann ich ja ein bißchen die Angst nehmen einfach mal mit kranken Menschen in Kontakt zu treten. Der Charakter und die Seele verändern sich nämlich nicht nur weil man krank ist. Eigentlich verändert sich sogar recht wenig von dem was einen Menschen tatsächlich ausmacht.

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