Geduld Du haben musst…

Dass ich mit Geduld nicht wirklich gesegnet bin, habe ich ja schon einige Male erwähnt und dass so eine traumatische Erkrankung aber ganz unglaublich viel davon verlangt, ist ja irgendwie eigentlich fast jedem klar. Also von mir halt mal abgesehen oder wollte ich es vielleicht nicht hören?! Nee es wird einem schon auch ganz gern mal unterschlagen, dass mit der medizinischen Therapie erst der Anfang geschafft ist und dass danach noch ganz viele kleine und große Herausforderungen kommen. In meinem Fall gehörte die Unbeschwertheit einfach mal ein Glas Rotwein mit Freunden zu trinken, zu diesen kleinen Herausforderungen. In der Reha wird einem erklärt, dass man ab jetzt am besten nie wieder Alkohol trinkt und wenn dann wirklich nur in ganz kleinen Mengen. Von wegen „Ein Glas Rotwein am Tag…“. Absurderweise wird aber im dortigen Kiosk Wein verkauft aber hinterfragen wir das mal nicht weiter. 😉

Alkohol war in meiner Familie sehr oft ein Thema, so dass ich da ohnehin ein recht ambivalentes Verhältnis zu habe und auf einmal war es da, das Gefühl, dass meine ganze Unbeschwertheit auf einmal weg war und irgendwie war ich neidisch auf alle anderen, die so entspannt Spaß haben konnten ohne ständig dieses Krebsgespenst im Nacken zu haben. Manchmal hat mich das sogar richtig wütend und dann wieder unendlich traurig gemacht.

Silvester wollten wir eigentlich mit Freunden auf eine Party gehen und das auch noch in dem Club wo mein Freund und ich uns kennengelernt hatten. Yeah, wie wundervoll. Der Krebs war weg und mein Leben sollte weitergehen. Der Tinitus, die Thrombose und die dazugehörigen Schmerzen haben mich zwar genervt, aber zu dem Zeitpunkt war ich ja noch nicht wirklich rücksichtsvoll zu mir selbst, so dass ich alles was nervt tapfer ignoriert habe. Irgendwie hatte ich schon vorher ein mulmiges Gefühl im Bauch aber ich habe wieder einmal nicht verstanden, wo genau das Problem liegt. Schließlich wollte ich nur mit meinen Freunden feiern und Spaß haben. Eigentlich keine große Sache.

Am Silvestermorgen saß ich also auf der Couch, der Mann war beim Sport und ich schlürfte meinen Kaffee und dachte so an den Abend. In mir machte sich ein ungutes Gefühl breit, irgendwie konnte ich die ganze Vorfreude meiner Freunde nicht teilen. Es war mir egal was ich anziehe oder wann wir uns treffen, mir kam das alles schrecklich unwichtig vor. In mir sehnte sich nichts nach Feiern und Party. „Ist doch jetzt alles gut, mach Dir keinen Kopf. Wir feiern, dass Du wieder gesund bist.“ Damit konnte ich so gar nichts anfangen, es fühlte sich so falsch an und eben nicht gesund und ich konnte nicht einfach wieder zurück zu „normal“ gehen. Aber das alles konnte ich in dem Moment überhaupt gar nicht so klar fassen, in mir war lediglich eine große Leere und dieses ungute Gefühl, dass ich nie wieder die alte sein würde. Als der Mann nach Hause gekommen ist, ging es auch schon los. Als wenn sich die Schleusen geöffnet hätten, habe ich geheult… und geheult… und geheult… Wieso genau, war für mich sehr schwer zu erklären, was es für den Mann auch nicht leichter machte. Aber im Endeffekt haben wir den ganzen Tag einfach zusammengemuckelt auf der Couch verbracht und irgendwann habe ich ihm dann versucht zu erklären, was los ist. Ich konnte einfach nicht entspannt feiern gehen und das wiederum machte mich so unglaublich wütend und traurig… auf mich selbst, auf den Krebs, auf die Thrombose auf diesen ganzen verdammten Mist, den ich durchleben musste und der immer noch nicht vorbei war. In meinem Umfeld hörte ich ganz oft, dass doch jetzt alles gut sei und ich mich freuen solle. Alles völlig richtig und lieb gemeinte Ratschläge aber in mir hat das leider nur einen unheimlich großen Druck aufgebaut. Mein Kopf wollte nicht verstehen, wieso mein Körper und meine Seele nicht einfach mitziehen. Und weil ich ja zu dem Zeitpunkt ganz groß darin war, einfach nicht auf Körper und Seele zu hören, haben sie sich wohl auf die einzig für mich verständliche Weise ausgedrückt. Tränen.

Wir haben den Silvesterabend dann gemeinsam auf der Couch verbracht. Zuerst hatte ich wieder Angst, dass unsere Freunde das nicht verstehen würden, aber es half alles nichts und sie haben es auch verstanden. Auch wenn ihnen und mir das nicht klar war, aber das war wieder einmal nur der Anfang. Karneval sollte mir ein ähnliches Schicksal blühen und es gab noch so die ein oder andere Gelegenheit wo ich schniefend auf der Couch saß anstatt rauszugehen um Spaß am Leben zu haben.

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In den letzten Wochen habe ich mich aber ganz tapfer immer mehr unter Menschen getraut. Der erste Schritt war die Abschiedsparty meiner Freundin Nicole und siehe da, es ging ganz wunderbar und wir hatten einen entzückenden Abend. Ich habe viele Freunde wieder getroffen und konnte endlich mal wieder entspannt Spaß haben, auch mit Wasser ging das für mich ganz hervorragend. Es war wunderbar alte Freunde wiederzusehen und mit ihnen zu plaudern, ganz ohne Angst, Wut oder Neid, sondern mit etwas ganz Neuem im Gepäck. Stolz hatte sich eingeschlichen, mächtig viel Stolz auf mich selbst und wie ich den ganzen Scheiß gerockt habe! So konnte es weitergehen… und endlich hat es das auch einfach mal so getan. Man könnte fast einen Zusammenhang vermuten. 😊

Halloween… für mich schon immer so ein spannender Tag im Jahr. In Kanada habe ich ihn das erste Mal gefeiert und was war das für ein Spaß. Eigentlich hatte ich dieses Jahr ganz andere Pläne und Ideen von dem Abend aber im Endeffekt hat er meine Vorstellung sogar weit übertroffen. Einfach so, nur weil ich es zugelassen habe. Verrückte Sache, aber so ist es wohl, wenn man im „Flow“ ist. Tapas, Rotwein, gute Gespräche und wunderbare Menschen waren involviert und das Wissen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

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