Diese fiesen kleinen Monster im Kopf

Die Nordsee, schön, frei und wild oder wie heißt das noch in dieser Bierwerbung? Letztes Wochenende konnte ich das mal wieder in Farbe und Bunt erleben. Im vergangenen Winter habe ich eine Fitnessreise gewonnen und jetzt war es endlich soweit – auf nach Sankt Peter-Ording. Whoop whoop!

Meine Freundin Kira ist mitgefahren und eigentlich hätten wir auch schön im April oder September fahren können aber irgendwie war es wohl eher die Herausforderung der Herbststürme, die wir haben wollten. Naja, es mag auch daran liegen, dass ich schon auch fit sein wollte, damit ich mal so richtig einen raushauen kann. Und wieder einmal ist es anders gekommen als geplant und während ich das hier so schreibe frage ich mich auch, wann ich denn wohl endlich aufhöre Dinge zu planen? Na klar bin ich schon ganz schön fit aber meine Kondition bereitet mir nach wie vor gehörig Kummer. Wir Menschen neigen ja irgendwie dazu uns immer erstmal den negativen Dingen zu widmen und das Positive mal geschmeidig zu ignorieren. Ich bin da auch keine große Ausnahme, wenn es zu eben diesem Thema kommt und so ärgere ich mich regelmäßig darüber, dass ich recht schnell ins Schnaufen gerate und mein Thrombo-Fuß dann auch immer gerne etwas rumzickt obwohl die Thrombose ja längst weg ist und „nur“ eine Narbe in der Vene hinterlassen hat. Aber ich versuche meine Energie tapfer weg von meinem Bein auf die schönen Dinge zu lenken. Man kann sich ja sonst auch in so Sachen reinsteigern. Also ich kann das bedauerlicherweise manchmal auch ganz hervorragend! Aber zurück ans Meer…

6 Stunden sollte die Autofahrt bis Sankt Peter-Ording dauern. Der Mitarbeiter in der Autovermietung hat uns 2x darauf hingewiesen, dass 100 PS für das kleine Auto schon echt viel seien und es ganz schön schnell flitzen würde. Hmm, anscheinend wirkten wir wie passionierte Rennfahrerinnen?! Aus den geplanten 6 sind allerdings doch 7 Stunden geworden. Bei Stau helfen die ganzen PS halt auch nicht. Als wir angekommen sind war alles dunkel und das Meer konnte nur erahnt werden. Ralf Bauer war auch weit und breit nicht zu sehen aber jede Menge Booties aus ganz Deutschland und auch meine wunderbare Leonie, meine Trainerin mit der ich so tapfer dem Krebs getrotzt habe und die mir immer wieder meine innere Sonne aufgefüllt hat. Da wir das erste Training verpasst haben, bezogen wir erst einmal unsere Zimmer und am nächsten Tag sollte es dann früh morgens mit einem lockeren Strandlauf losgehen. Laufen… oh verdammt, ich dachte ja wir machen eher so Zirkeltraining, Ernsthaft, muss das sein? Hier als kleine Erklärung, bevor ich krank geworden bin, habe ich mich ja in die Form meines Lebens gesportelt und in diesem Zusammenhang habe ich auch mit dem Laufen angefangen. Wandern und Radfahren war zwar schon immer mein Ding, aber zum Joggen konnte mich 36 Jahre niemand bewegen, bis zu diesem Frühjahr 2015. Zunächst habe ich nur kleine Runden im Park gedreht und immer wieder Pausen mit Übungen eingebaut, bis ich dann irgendwann eine Stunde am Stück durchlaufen konnte und damit stellte sich dann auch ganz schnell eine gewisse Begeisterung ein. Läufer kennen das, die ersten Minuten tun noch weh und dann irgendwann ist der Kopf leer und man möchte am liebsten gar nicht mehr aufhören. Mega gut. Ende 2015 war ich dann kurz davor die 10km zu knacken und mächtig stolz auf mich. Mein Leben bestand aus 2x in der Woche Bootcamp und mindestens noch eine Laufeinheit am Wochenende und ich habe mich nie im Leben so gesund und gut gefühlt. Welch Ironie, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon einen Tumor in meiner Brust hatte und eigentlich so überhaupt gar nicht gesund war. Aber das wusste ich ja nicht und so war ich echt rundum mit mir und meinem Sein zufrieden. Rückblickend betrachtet, hat mir diese Grundfitness natürlich extrem dabei geholfen die Chemotherapie relativ „gut“ (mir fällt es echt schwer in dem Zusammenhang das Wort „gut“ zu benutzen) zu überstehen aber wie bereits erwähnt, die Kondition war futsch und irgendwie war da so ein kleines Monster in meinem Kopf, das jedes Mal laut wurde, wenn ich langsam wieder anfangen wollte. Nach den ersten Schritten war es sofort da. Das unglaublich wütende kleine Monster das meine ganzen Erfolge überhaupt nicht sehen wollte, sondern nur stinksauer war, dass ich diesen ganzen Mist durchmachen musste und es mir nun so schwer fiel wieder loszulaufen. Meistens wird es herausgelockt, weil mein Bein schmerzt oder sich unschön anfühlt und im Endeffekt geht es wieder einmal nur um meine fehlende Geduld mit mir selbst.

Das ganze Jammern und das Drama in meinem Kopf hat aber nicht geholfen und so habe ich mich tapfer bei der Anfänger-Laufgruppe für den Strandlauf eingefunden. Der Plan sah Intervalle von 2 Minuten laufen, 1 Minute gehen vor, die habe ich durchaus schon im Park trainiert, das sollte also einigermaßen klappen. Dachte ich mir so. Genau genommen ging es auch, da beißt die Maus keinen Faden ab aber irgendwann kommt dann immer dieses kleine Monster raus und flüstert mir zu, dass ich das 2015 viel besser konnte und ratzfatz laufen heiße Tränen der Wut über mein Gesicht. Hier hilft nur in die Ferne schauen und möglichst tief zu atmen, sonst ist die nächste Panikattacke sicher. Zum Glück war ich ja aber am Meer, mehr Ferne geht ja gar nicht. Der Wind hat meine Tränen getrocknet und irgendwie war ich dann auch echt etwas trotzig.

Anstatt dass mir mein Monster nämlich erzählt wie mega beweglich ich durch Yoga und Pilates geworden bin oder wie schön meine Squats mittlerweile auch mit Kettlebell aussehen. Nein, das Mistvieh motzt nur rum. Was ein blödes Ding oder? Die Tatsache, dass ich in den letzten 2 Jahren auch ein paar Herausforderungen zu stemmen hatte, das lässt es eiskalt weg und vergleicht mich mit anderen. Wir Frauen sollten uns grundsätzlich nicht untereinander vergleichen, weil wir alle auf unsere ganz eigene und besondere Art wundervoll sind, aber sich im Sport miteinander zu vergleichen ist einfach besonders unnötig – egal in welche Richtung! Zumal hier dann auch das Allerwichtigste verloren geht: der Spaß! Bevor ich krank geworden bin, musste ich mich nie zum Training zwingen. Im Gegenteil, ich habe mich schon morgens darauf gefreut abends im Park zu sporteln und wenn es geregnet hat, war die Vorfreude meistens doppelt so groß, weil es absurderweise richtig gut tut und man sich hinterher wie die Königin der Welt fühlt. Wegen genau diesem Gefühl bin ich samstags um 7:30 Uhr aufgestanden und habe die Laufschuhe angezogen. Klar waren die purzelnden Pfunde ein durchaus angenehmer Nebeneffekt, dass will ich gar nicht in Frage stellen aber der Hauptgrund war der Spaß. Wieso also lass ich mir diesen jetzt so krass von meinem Monster nehmen? Warum bin ich schon wieder so schrecklich hart zu mir? Eigentlich habe ich doch grad gelernt, dass ich nur Geduld haben muss. Wer hat vergessen, dass meinem Monster zu sagen?

Aber Momentchen mal, vielleicht versuche ich einfach eine neue Taktik und gehe ab jetzt mit meinem kleinen fiesen Ding einfach liebevoll um. Wenn es nicht nett zu mir ist, vielleicht funktioniert es ja umgekehrt und ich kann es umstimmen und davon überzeugen, dass es völlig ok ist, wenn ich wieder von vorne anfange. Hauptsache es macht Spaß und irgendwie habe ich an diesem Wochenende genau den wiedergefunden. Endlich, ich kann es kaum erwarten am Samstag meine Laufschuhe zu schnüren und  mich zur Not wieder Runde um Runde an meine 10km ranzupirschen. Und wenn es nochmal ein Jahr dauert, irgendwann werde ich sie laufen und danach mit einem breiten Grinsen nach Hause gehen. Weil ich es kann und weil ich Menschen um mich habe, die mir immer wieder klarmachen, dass ich eine Kämpferin bin und Aufgeben keine Alternative ist! Ich freue mich drauf und ich werde berichten.

Was auch immer Euer Monster ist, habt es lieb und gebt nicht auf! Alles Liebe!

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4 Gedanken zu “Diese fiesen kleinen Monster im Kopf

  1. Leonie

    Kathrin du bist meine Powerfrau! Ein so großes Vorbild für alle, die kurz davor stehen aufzugeben. Mit einem Lächeln im Gesicht kannst du dein inneres Monster auch austricksen, das kannst du ja besonders gut, Lächeln 🙂 Danke für dieses wunderschöne Wochenende und diesen wieder mal so realistischen und schönen Blogeintrag. STAY STRONG

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