… und da waren sie auf einmal wieder, die kleinen Monster

Die letzten Wochen ist es etwas ruhig um mich geworden. Meine Zeit habe ich zwar auch mit dem Laptop auf den Knien verbracht aber mehr zum lernen als zum schreiben. Musculus Gluteus Maximus und seine Freunde wollten in mein Hirn und wenn ich ehrlich bin, ich habe noch viel zu lernen. Auch wenn das in mir gelegentlich einen leichten Druck auslöst, so habe ich doch großen Spaß daran, mir dieses Wissen anzueignen. Ich gebe zu, dass es manchmal leichter wäre, wenn die Praxis nicht noch so lange auf sich warten lassen würde, aber das mit der Geduld hatten wir ja schon. Ich übe also weiterhin und freue mich darauf, wenn es dann endlich ans praktische Üben geht.
Die letzten beiden Wochenenden hatte ich meine erste große Herausforderung. Meine Yoga-Trainer-Ausbildung stand an und was habe ich mich darauf gefreut. In meiner Vorstellung würde ich mit anderen Neu-Yogis auf der Matte sitzen und gespannt den Worten eines erfahrenen Yogis lauschen. Zwischendurch gäbe es Tee und man tauscht sich aus über die eigenen Erfahrungen und wie man dazu gekommen ist, dass Yoga aus dem eigenen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Die Realität sah ehrlich gesagt etwas anders aus.

Für mich ist es immer eine kleine Herausforderung eine neue Gruppe Menschen kennenzulernen bzw. mich dieser vorzustellen. Sag ich nun, dass ich Brustkrebs gefolgt von Panikattacken und einer Depression hatte oder nicht? Grundsätzlich finde ich es nicht schlimm darüber zu sprechen aber zunächst einmal möchte ich auch nicht jedem meine Geschichte sofort erzählen und dann ist es halt auch ein echter „Stimmungskiller“ und großer Stempel, den man sich selbst mal eben aufdrückt. Das alles wollte ich aber diesmal nicht. Der Brustkrebs sollte nicht mit auf meine Yogamatte und so habe ich mich nur ganz kurz vorgestellt, ohne Geschichte und Ausschmückungen und ohne es zu merken, bin ich so auch in eine Schublade gelandet bzw. hatte ich einen Stempel auf der Stirn aber eben einen ganz anderen. Ohne es zu wissen, habe ich so auch noch meine kleinen Monster auf die Matte eingeladen und wie es so ist mit den kleinen Dingern, die lassen sich nicht lange bitten und sitzen sofort ganz präsent da und flüstern Dir komische Sachen ins Ohr.

So kam es also, dass ich mich so überhaupt gar nicht wohlgefühlt habe in dieser Gruppe Ich habe mich nicht wahrgenommen gefühlt und war verunsichert weil die Gruppe nichts von meiner eigentlichen Vorstellung hatte. Wie das halt eben so ist im Leben. Manchmal kommt es anders und meistens als man denkt. Hinzu kommt, dass ich tief in mir drin auch ein echt schüchternes kleines Mädchen habe (jaja man glaubt es kaum) und wenn ich mich nicht ganz wohl fühle, übernimmt die Kleine gerne mal die Führung und schwups sitze ich auf meiner Yogamatte und kämpfe mit mir selbst. Ich mache mir Gedanken darüber was die anderen jetzt von mir denken und wieso mich niemand so recht wahrnimmt, weil ich doch eigentlich wirklich nett bin. Gut, ich bin jetzt nicht die klassische Fitnesstrainerin, die hier ihren Yoga-Schein macht, aber wie langweilig wäre die Welt, wenn wir uns alle ähneln würden? Ich bin mir sicher, dass die anderen Teilnehmerinnen gar nicht so gedacht haben, wie es sich für mich angefühlt hat. Leider ist ja aber genau das, das Verzwickte mit den kleinen Monstern, meistens gaukeln sie uns etwas vor. Es kam also wie es kommen musste, irgendwann war der Punkt erreicht an dem ich mich überfordert gefühlt habe. Nicht aufgrund des Wissens was dort vermittelt worden ist, sondern eher aufgrund vieler kleiner Dinge, die sich an diesem Tag auf meiner Matte getroffen haben. Dass mir Freitag ein neues 3-Monatsdepot meiner Anti-Hormon-Therapie gespritzt worden ist, hat die Sache auch nicht einfacher gemacht und so saß ich dann auf einmal zitternd, den Tränen nahe auf meiner Yogamatte und wollte am liebsten wegrennen. Wellen voller Hitze durchfluteten meinen Körper und in meinem Bauch hatte sich seit langem wieder einmal ein dicker großer Klumpen Angst gesammelt. Angst davor von fremden Menschen bewertet zu werden, nicht zu genügen, nicht gemocht zu werden und kläglich mit meinem Weg zu scheitern, weil ich eben nicht gut genug bin. Dicht gefolgt hat sich dann natürlich auch wieder die Wut dazu gesellt. Die Zwei sind ja eigentlich immer zusammen unterwegs und so saß ich da nun. Das Handtuch vor mein Gesicht gepresst und ziemlich hilflos aufgrund dieser ganzen Emotionen, die ausgerechnet jetzt hochkamen. Wäre ich alleine gewesen, hätte ich wohl geschrien, meine Boxhandschuhe genommen und den Sandsack malträtiert. Aber ich war nicht alleine, ich saß inmitten einer Gruppe fremder Menschen, die keine Ahnung hatten, was da grad alles auf meiner Matte passierte und wenn ich ehrlich bin, zeigten die meisten auch kein großes Interesse daran. Warum auch, sie kannten mich ja nicht und hatten keine Ahnung was in den letzten 2 Jahren in meinem Leben passiert ist. Vielleicht kämpfen sie grad auch mit ihren ganz eigenen kleinen Monstern, man weiß es nicht. Da ich ja so mit mir selbst beschäftigt war, hatte ich auch nicht nachgefragt…

Was habe ich also getan um aus meiner Bredouille rauszukommen? Zunächst habe ich versucht mich ganz auf mich selbst zu konzentrieren. Neben mir von der Matte habe ich beruhigende Worte vernommen, aber in dem Moment konnte ich das nicht so richtig wahrnehmen. Mein Atem war hektisch und schnell und Tränen liefen in mein Handtuch. Irgendwann habe ich die Augen geschlossen und versucht meinen Atem zu beruhigen. Als das nicht wirklich geholfen hat, da ich ja jegliches Vertrauen in mich selbst mal eben weggesperrt hatte, habe ich das getan was wohl einige Yogis getan hätten: Ich habe mir vorgestellt, dass Kali mir hilft meine Monster zu zerstören. Es ist jetzt nicht so, dass ich mich besonders gut mit den Göttern und Göttinnen auskennen würde, da habe ich noch ordentlich Luft nach oben und ich freue mich darauf sie alle kennenzulernen. Kali hingegen ist mir direkt ans Herz gewachsen. Sie ist die Göttin der Zerstörung und sieht immer recht wild und bedrohlich aus. Das muss sie auch, schließlich hilft sie uns dabei, gegen die inneren Dämonen zu kämpfen und diese zu zerstören. Da war sie also bei mir an der richtigen Stelle und wie ich mir so vorgestellt habe, dass ich ein wenig göttliche Unterstützung hatte, ging es mir langsam aber sicher auch wieder besser. Mein Atem wurde ruhiger und nach ein paar langen Minuten war das Schlimmste überstanden und ich konnte mich wieder meiner Praxis widmen, zwar recht zögerlich und immer noch mit meinen Kritikern kämpfend aber der Tag war ohnehin fast vorbei und als ich dann einige Zeit später auf meinem Fahrrad saß, habe ich noch eine Runde durch den Stadtwald gedreht und meinen Emotionen Luft gemacht. Schreien ist eine gute Sache und als einige Krähen tatsächlich auf mein Rumgebrülle geantwortet haben, habe ich langsam aber sicher wieder zu mir selbst gefunden.

Zuhause ging es dann erstmal zur Entspannung in die Badewanne und ich habe besonders liebevoll die Stelle am Bauch massiert, an der am Tag zuvor mein Anti-Hormon-Depot reingespritzt wurde. Ein Schutzschild soll sie sein, wie mir meine Frauenärztin nochmal ins Gedächtnis gerufen hat. An vielen Tagen kann ich das mittlerweile auch so sehen, aber wenn die Knochen/Gelenke schmerzen und ich ein Spielball meiner Emotionen bin, dann konzentriert sich meine ganze Wut auf dieses Thema und was damit so zusammenhängt. Aber verrückterweise lerne ich aus diesen Momenten der Angst unglaublich viel, über mich selbst, über die Art wie ich unterrichte und so bin ich dann doch irgendwie dankbar… hinterher… wenn es vorbei ist. Dankbar, für die kleinen Monster, die mich immer wieder an den Rand der Verzweiflung treiben, nur um mir wieder etwas beizubringen. Sie zeigen mir, dass mein Weg ein Herzensweg ist und kein Weg der Angst. Auch wenn ich manchmal etwas länger brauche um sie zu verstehen, aber zu überhören sind sie zum Glück nicht mehr.

Die sog. Lernprobe am nächsten Tag habe ich -wie ich finde- gut gemacht. Besonders wenn man bedenkt, dass ich vorher noch nie einen Kurs gegeben, geschweige denn die Ujjyai-Atmung angeleitet habe und mit der letzten Panikattacke im Nacken, kann ich mich nicht beschweren. Um das so an- und wahrzunehmen habe ich etwas Zeit gebraucht, aber es ist soweit… proudly presents und so… Trommelwirbel…

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Ich nehme aus diesen 4 Tagen also nicht nur das vermittelte Yoga-Wissen mit sondern auch ganz viel über mich selbst, meine kleinen Monster und dem Wissen, dass ich meinen eigenen Yoga-Weg längst gefunden habe. Mein Herz wird mich hier schon führen. Bisher hat es den Job ja auch echt gut gemacht, also lehne ich mich da jetzt wieder vertrauensvoll zurück und genieße mein Umfeld mit vielen wundervollen Menschen, die ich sehen darf und die mich sehen, so wie ich bin. Ich freue mich darauf weiter zu lernen und ach was soll ich sagen… bis eine Blume blüht, dauert es ja auch so seine Zeit oder wie die großartige Astrid Lindgren es mal ausgedrückt hat „Lass Dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar!“

 

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